Milzbrand
©opyright Dr. von Rhein

Milzbrand oder Anthrax, ist eine hochgefährliche Infektionskrankheit, die fast alle Wirbeltiere inklusive des Menschen befallen kann. Die Empfänglichkeit verschiedener Tierarten und Individuen ist allerdings sehr unterschiedlich. Pflanzenfresser sind besonders empfänglich, Fleischfresser wie Hund und Katze fast immun. Die Allesfresser wie Mensch und Schweine nehmen eine Zwischenstellung ein.
Die Bedeutung von Anthrax in Ländern, die sich für zivilisiert halten, ist seine ausgezeichnete Eignung zur Biologischen Kriegsführung. Einfach und billigst zu vermehren, extrem lange lagerfähig, hochwirksam, ist Anthrax der Joker in jedem Planspiel für den 3.Weltkrieg. So ist noch heute die schottische Insel Guida lebensbedrohlich mit dem Erreger verseucht, weil die Engländer im 2. Weltkrieg hier Versuche mit dem Milzbrandbazillus vorgenommen haben. Als Terroristenwaffe kommt er übrigens nicht in Betracht, da die notwendige Apparatur zur Verteilung der notwendigen Dosen technisch durchaus anspruchsvoll ist.
Die USA gehen heute zweigleisig vor. Sie behandeln ihre GIs mit einem unausgegorenen Impfstoff gegen klassischen Milzbrand (zumindest falls der alleinige Hersteller mal ausnahmsweise lieferfähig ist) und entwickeln gleichzeitig neue Anthrax-Stämme, gegen die dieser Impfstoff wirkungslos ist. Klingt doch logisch, oder?
Auch die im Oktober 2001 heiss diskutierten Fälle in Boca Raton (Florida) wurden durch Waffen-Anthrax ausgelöst, das aus einem amerikanischen Regierungs-Labor stammt. Es wird vermutlich nie veröffentlicht werden, welche Behörde oder welcher Behördenmitarbeiter konkret diese Anthrax-Briefe verschickt hat.

Der Erreger des Milzbrandes wurde schon 1855 von Pollender entdeckt. Es handelt sich dabei um ein grampositives, aerob lebendes, d.h. Sauerstoff verbrauchendes und sporenbildendes Stäbchen aus der Familie der Bacillaceae, den Milzbrandbazillus Bacillus anthracis.
Seine Sporen können unter günstigen Bedingungen Jahrhunderte! überdauern. Übliche Desinfektionsmassnahmen sind oft wirkungslos. Die Sporen dringen über die Lunge, den Verdauungstrakt oder Bagatellverletzungen in den Patienten ein. Auch die Übertragung durch Insekten konnte experimentell nachgewiesen werden. Eine in jüngerer Zeit beliebte Form der Übertragung auf Haustiere ist mittels verseuchter Futtermittel, zB Knochenmehl. Das gute alte Knochenmehl, in England einst zu 50% mit Anthrax verseucht, dürfte dank  BSE mittlerweile allerdings Marktanteile verloren haben.

Wesentliche Eigenschaft des Milzbrandbazillus ist seine spezielle Eiweisshülle (Polypeptidkapsel) die es ihm ermöglicht, wichtigen Abwehrsystemen seiner menschlichen oder tierischen Opfer zu entgehen (Phagosomenflüchter). Er bildet vor allem bei seiner Zerstörung Giftstoffe (Exotoxine), die in die Umgebung abgegeben werden. Diese Giftstoffe schädigen die Blutgefäße bis in die kleinsten Aufzweigungen, die Kapillaren, sodass die Gefässwände für rote Blutkörperchen (Erythrozyten) durchlässig werden. Die Folge davon sind Entzündung und Blutaustritt ins Gewebe. Das äußert sich als blutdurchtränkte Schwellung, als hämorrhagisches Ödem. Bevorzugt betroffen sind die Lunge, der Darm und die Haut.

Das Verbreitungsgebiet des nichtmilitärischen Milzbrand ist prinzipiell weltweit. Allerdings ist es gelungen, die Krankheit in den hochentwickelten Ländern zur Bedeutungslosigkeit zurückzudrängen. Derzeit gibt es noch vereinzelte Infektionsherde in Südosteuropa, Ostasien, Mittel- und Südamerika sowie in Afrika. Menschen sind vor allem gefährdet, wenn sie beruflich mit Nutztieren, Tierhäuten, Fellen, Wolle oder Knochenmehl zu tun haben.

Die Inkubationszeit, dh der Abstand zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit, beträgt Stunden bis wenige Tage. Die Krankheit tritt hauptsächlich in drei Erscheinungsformen auf:

1) Hautmilzbrand
Durch direkten Kontakt gelangen Milzbrandsporen in kleine, oberflächliche Hautverletzungen. Nach 1-7 Tagen entsteht ein rotes Knötchen mit schwarzem Zentrum. Daraus entwickelt sich schnell ein eitergefülltes Bläschen. Mit einer weiteren Ausdehnung der Erkrankung treten neue Bläschen auf und verschmelzen schließlich miteinander zum Milzbrandkarbunkel (Pustula maligna). Wenn ein solches Karbunkel Anschluß an ein Blutgefäß bekommt, kann dies zur Sepsis (Blutvergiftung) führen. Unter den Feldinfektionen die häufigste und harmloseste Form. Selbst unbehandelt nur in 5-20% der Fälle tödlich, insofern militärisch uninteressant.

2) Darmmilzbrand
2-5 Tage nach Genuss von rohem Fleisch oder ungekochter Milch treten blutiges Erbrechen und blutiger Durchfall auf, Zeichen der schweren hämorrhagischen Darmentzündung. In der Folge Verbreitung der Keime über den gesamten Körper (Sepsis) mit Versagen von Herz und Nieren. Über 50% der Erkrankten sterben. Die seltenste Form des Anthrax.

3) Lungenmilzbrand (Hadernkrankheit):
Die Sporen werden mit der Atemluft inhaliert. Sie haften zB an Tierhäuten und Tierhaaren und sind oft noch nach Jahren ansteckend. Beginn der Erkrankung mit Husten, dann hohes Fieber, Schüttelfrost und Atemnot. Das ausgehustete Sekret ist hochinfektiös. Tod meist innerhalb 24 Stunden. Diese perakute Form wird militärischerseits als besonders vorteilhaft erachtet.

Die Verdachtsdiagnose ergibt sich oft schon aus der Vorgeschichte, zB dem Beruf und den Symptomen. Die Diagnose wird durch mikroskopische Untersuchung von gramgefärbten Abstrichen gesichert. Je nach Erkrankungsart untersucht man Bläscheninhalt, Blut, abgehustetes Bronchialsekret sowie Stuhl. In Deutschland wird die lebenswichtige Diagnose durch bürokratische Hürden behindert. Nur Labore der "Zulassungsstufe 3" dürfen Einsendungen auf Anthrax untersuchen. In der Praxis heisst das, eine Probe wird vom nichtzugelassenen Labor erstmal an ein zugelassenes weitergeschickt. Durch den Zeitverlust ist das Untersuchungsergebnis für den Patienten dann wohl oft schon belanglos geworden.
Klassisch wird verdächtiges Sekret einfach einem Meerschwein injiziert. Zeigt es die typischen Symptome -Voila!

Eine Behandlung muß so früh wie möglich begonnen werden. Es kommen Antibiotika wie Penicillin, Ciprofloxazin bzw Doxycyclin zum Einsatz. Waffen-Anthrax wird natürlich speziell darauf gezüchtet, gegen diese Antibiotika resistent zu sein.

Eine wirksame Prophylaxe ist in vielen Ländern bei Tieren durch Impfung und sogar noch nach der Infektion durch Hyperimmunserum möglich. Unproblematische Humanpräparate sind uns nicht bekannt. In Deutschland gibt es keine Impfstoffe und der Notimport aus dem Ausland würde erstmal an unserer Medikamenten-Zulassungs-Verhinderungsbehörde, dem Paul-Ehrlich-Institut, scheitern. Diese Herren haben im Oktober 2001 der Presse erklärt, sie wären im Bedarfsfall zur "sofortigen Prüfung auf Wirksamkeit, Qualität und Unbedenklichkeit" bereit. Da eine Prüfung auf Wirksamkeit mehrere Wochen dauert, wäre diese Absichtserklärung den Hinterbliebenen sicher eine echter Trost.
Das Mittel, mit dem amerikanische Soldaten behandelt werden, ist hochproblematisch und für Zivilisten legal nicht erhältlich. Desinfektion ist dank der Tenazität der Sporen oft erfolglos, Quarantäne wegen der kurzen Inkubation hingegen gut wirksam.

Anno domini 2001
Vorbeugend sind Ende Oktober 2001 viele Amerikaner und Deutsche einfach dazu übergegangen, verdächtige Briefe, insbesondere Rechnungen, Mahnungen oder solche von der Bank und dem Finanzamt, aus Sicherheitsgründen ungeöffnet zu verbrennen. Deutschland ist trotz aller wichtigen Krisensitzungen und Erklärungen zur Lage der Nation nicht über das Stadium der Fehlalarme hinausgekommen.
Zum besseren Verständnis, wie dramatisch das weitere Überleben der Tierart Mensch durch die amerikanischen Anthrax-Briefe des Jahres 2001 gefährdet war, nachfolgend die nackten Daten mit Stand 2001-11-12:

Gesamtzahl der Milzbrand-Patienten: 17
Gesamtzahl der an Milzbrand Verstorbenen: 4

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