Pocken / Blattern / Variola
©opyright Dr. von Rhein

Pocken, Blattern oder Variola vera ist eine hochansteckende, bösartig verlaufende Virusinfektion, die ausschliesslich Menschen befällt. Die bei Tierien  beobachteten Formen wie Kuh- oder Kamelpocken sind auf Nacktaffen nicht übertragbar. Schon vor ca 3000 Jahren dokumentiert, wurde diese früher so verlustreiche Krankheit 1980 für ausgestorben erklärt. Der letzte Fall einer natürlichen Infektion war in den Siebzigern in Somalia beobachtet worden. Offiziell gibt es Pockenviren heute nur noch in zwei Labors weltweit. Das eine ist das Staatslabor Vector bei Novosibirsk, das andere das Center of  Disease Control & Prevention (CDC)  in Atlanta, Georgia, USA.

Der Erreger der Pocken ist der Variola-Virus aus der Gruppe der Poxviridae. Es ist ein 200-400nm grosser, quaderförmiger DNA-Virus mit Doppelmembran und Lipidhülle. Als Besonderheit besitzt er eigene RNA-Polymerase und vermehrt sich im Zytoplasma statt im Zellkern wie die meisten Viren. Er kann im trockenen Zustand lange infektiös bleiben. Die Mutationsrate ist gering. Impfstoffe wirken gegen alle zivilen Stämme. Ausser der klassischen Variola vera mit einer Sterblichkeitsrate zwischen 10 und 90% abhängig von der Wirtspopulation kennt man seit Anfang des 20.Jahrhunderts die Variante Variola minor oder Alastrimmit nur 1% und seit kurzem die Ostafrikanischen Pocken mit 5% tödlichem Ausgang.

Impfung zur Prophylaxe war bis in die Siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in allen Kulturländern üblich. Der Schutz hält 10 Jahre vor. Die Pockenimpfung wurde schon 1715 von Peter Kennedy, einem schottischen Arzt in Istambul, detailliert beschrieben. Heute ist die Impfung wegen der Seltenheit der Infektion nicht mehr üblich, die Bestände an Impfstoffen sind zumindestens in USA noch auffällig hoch - 7-15 Millionen Dosen laut amtlichen Angaben November 2001. Weitere 300 Millionen! sind aus aktuellem Anlass bestellt.

Die Ansteckung erfolgt meist durch Tröpfcheninfektion, dh durch Einatmen. Ansonsten über Wäsche, Geschirr, Körpersekrete. Die erste Vermehrung geschieht  im Atmungstrakt und den Regionallymphknoten. Dann Ausbreitung über das Blut und Befall verschiedener innerer Organe. 10% der Patienten zeigen jetzt schon masernähnliche Hautsymptome. In den inneren Organen erfolgt Weitervermehrung und erneute Ausschwemmung ins Blut. Dann Befall des eigentlichen Zielorgans, der Haut. Der Erkrankte scheidet den Virus schon wenige Tage nach der Infektion wieder selbst aus.

Die Symptome der Variola major beginnen zwischen dem 8. und 18. Tag nach der Ansteckung mit plötzlichem Fieber, Kopf- und Rückenschmerzen, Brechreiz und Bewusstseinsstörungen. Zwei bis vier Tage später beginnen die variolatypischen Hautsymptome. Es fängt an mit kleinen rosa Punkten, die grösser werden und sich zu Knötchen aufwölben. Drei Tage später findet man 6mm grosse, harte Bläschen, tief in der Haut. In weiteren zwei Tagen bilden sich daraus Pusteln, die eintrocknen und als braune, linsenförmige Krusten in der Haut liegen. Das Abfallen dieser virushaltigen Krusten nach weiteren 10-12 Tagen hinterlässt die bekannen Pockennarben, wie sie schon an der Mumie eines der Ramses-Könige zu sehen sind.
Die Haut an Kopf und Gliedmassen wird meist stärker befallen als der Rumpf, was eine Verdachtsdiagnose erleichtert. Tod durch Blutvergiftung meist zwischen dem 23. und 27. Tag nach Ansteckung.
Von diesem klassischen Verlauf gibt es starke Abweichungen, die meist zu Fehldiagnosen führen. Der Tod kann schon in der Phase der inneren Organmanifestation auftreten und Patienten mit altem, noch restwirksamen Impfschutz zeigen eventuell nur rudimentäre Symptome.
Ein publizierter Seuchenfall aus dem Jahr 1973 begann mit einer einzigen, scheinbar harmlosen Hautveränderung am Handgelenk des Patienten. Als man ihn schliesslich auf Variola untersuchte, waren bereits 40 Menschen infiziert, von denen mehrere der Krankheit erlagen. Diese Variante nennt sich Variola sine eruptione.

Die Diagnose ist labormässig durch Erregernachweis in Blut, Rachentupfer oder Bläscheninhalt möglich. Die klinische Diagnose wird oft falsch gestellt, einfach weil heute den Ärzten die praktische Erfahrung mit der Erkrankung fehlt.

Zum Thema spezifische Behandlung können wir uns kurz fassen - es gibt keine. Natürlich bekämpft man Sekundärerreger mit Antibiotika und stabilisiert den Kreislauf per Infusion usw. Wichtig sind auch Haut- und Schleimhautpflege. Gegen den Erreger selbst gibt es unserem Erkenntnisstand nach kein Gegenmittel.

Die Prognose ist ernst, liegt doch bei Zivilviren je nach Unterart und Stamm die Sterblichkeit bei 1-50%. Die überlebte Krankheit hinterlässt langandauernde Immunität. Als Dauerschaden sind entstellende Narben, Lähmungen, Taub- und Blindheit möglich.
Über die Wirksamkeit der offiziell ja gar nicht vorhandenen Militär-Variola liegen verständlicherweise keine Angaben vor.

Eine der ältesten Biowaffen sind neben Pest die Pocken. Schon im Mittelalter wurden die Leichen von Seuchenopfern in belagerte Städte und Festungen katapultiert, um deren Verteidiger zu infizieren. In Westen Amerikas waren beliebte Gastgeschenke gerade die Decken, in denen jemand an Pocken gestorben war. Ein probates Mittel, die lästigen Rothäute zu dezimieren.
Heute bestreiten alle Grossmächte, Variola im Bestand ihrer nichtvorhandenen Biowaffen zu haben. Vorbeugend gegen diese nichtvorhandene Gefahr impfen die USA natürlich ihre Soldaten und möchten den Regierungsbestand von 7-15 Millionen Impfdosen (Anfang November 2001) um weitere 300 Millionen aufstocken. Die Pharmaaktien wissen das zu schätzen.
Im heissen Herbst 2001 werden Pocken jedenfalls von den Medien als sogenannte "Terroristen"waffe gehandelt. Nicht völlig daneben. Warum sollten die Personen oder Dienste, die anscheinend über ausreichende Mengen an  amerikanischem Militär-Anthrax verfügen, nicht auch Militär-Variola im Sortiment haben?
Jetzt hätten wir aber fast wieder vergessen, dass es das ja gar nicht gibt. Na, dann ist ja jetzt alles wieder gut. 

Der 3.Ölkrieg. Im Februar 2003 wird ein angeblicher Bestand Iraks an Pockenkampfstoff als eine der amerikanischen Kriegsgründe bemüht. Irgendwelche Beweise gibt es natürlich nicht, aber wen stört das schon in der allgemeinen Kriegseuphorie.
Im Zusammenhang mit dieser Kriegshetzerei taucht auch eine antike Verlautbarung des Bundes-Gesundheitsministeriums vom 9. August 2002 wieder auf, das damals durch schüren der Pockenangst versuchte, vom Versagen der deutschen Gesundheitspolitik abzulenken.
Wir distanzieren uns vom Inhalt dieses Pamphletes. Hier kommt es im Originaltext:

Bonn, den 9. August 2002
BMG
Ref. 329

Ergänzende Begründung zum apl.-/apl. VE-Antrag von 09.08.2002 betr. die Beschaffung von Pockenimpfstoff

Die umgehende Bereitstellung von 10 Mio Euro sowie VE in Höhe von 20 Mio Euro für die Beschaffung von Pockenimpfstoffen ist aus folgenden Gründen sachlich unabweisbar und zeitlich unaufschiebbar.

1. Wahrscheinlichkeit eines Angriffs

Die außenpolitische Einschätzung und insbesondere die Berichte der Nachrichtendienste weisen auf eine akute Verschärfung der Gefährdungslage hin: Den deutschen Sicherheitsdiensten liegen dokumentierte Erkenntnisse vor, daß Pockenerreger außerhalb der offiziellen Labore in Atlanta und Koltsovo illegal, z. B. in Rußland, Irak und Nordkorea, gelagert werden. Ebenso gibt es Hinweise darauf, daß sich Terrorgruppen um die Herstellung biologischer Kampfstoffe bemühen. Auch eine Freisetzung von Pockenviren irgendwo anders auf der Welt stellt für Deutschland aufgrund der extrem leichten Übertragbarkeit der Erreger und der Mobilität der Weltbevölkerung eine außerordentliche Gefahr dar. Die Anzeichen für einen möglicherweise kurzfristig bevorstehenden Angriff der USA auf den Irak verdichten sich. Es steht zu befürchten, daß der Irak in einem solchen Falle mit den ihm zur Verfügung stehenden biologischen Kampfstoffen, also auch Pockenviren, reagiert.

2. Auswirkungen eines Angriffs

Bei einem - nicht mehr sicher auszuschließenden - Angriff im Bereich des Bioterrorismus bestünde das bei weitem verheerendste Szenario im Fall eines Anschlags mit Pockenerregern. Die Bevölkerung in Deutschland - auch die bis in die 70er Jahre geimpften Personen - weist keine ausreichende Immunität auf. Es wäre mit 30 bis 40 % Todesfällen zu rechnen, d. h. etwa 25 Millionen Menschen allein in der Bundesrepublik. Das öffentliche Leben würde im Falle einer Epidemie schon vor den tödlichen Auswirkungen der Seuche noch am Tag des Bekanntwerdens zusammenbrechen.

Schutz vor einer Verbreitung der Seuche kann nur eine Pockenimpfung bieten. Dafür muß ausreichend Impfstoff für die gesamte Bevölkerung bereitgehalten werden. Im Oktober 2001 hat der Bund bereits 6 Millionen Dosen Pockenimpfstoff aus einem Altbestand bevorratet. Mit der Beschaffung dieses Impfstoffes, von dem seinerzeit keine größere Menge verfügbar war, konnte lediglich eine erste Notfallreserve gebildet werden. Er reicht aber keinesfalls aus, um einen Ausbruch einzudämmen. Aus diesem Grunde haben BMI, BMVg und BMG in den letzten Monaten intensivste Anstrengungen unternommen, um eine weitere Bevorratung einzuleiten.

Auch im Vergleich zu anderen Staaten ist die umgehende Vorsorge unerläßlich:

Die USA haben bereits Impfstoff für die gesamte Bevölkerung eingelagert bzw. bestellt, über den sie in Kürze verfügen können. Die USA bereitet die sofortige Impfung von über 500000 Menschen aus dem Gesundheitswesen gegen Pocken vor.

Israel bereitet sich aktiv auf die Möglichkeit eines Terroranschlags mit Pockenviren vor und verfügt über Impfstoff für die gesamte Bevölkerung.

Der Grad der Versorgung mit Pockenimpfstoff in den einzelnen Ländern ist in der Öffentlichkeit bekannt. Als eine der wichtigsten westlichen Industrienationen und aufgrund der unzureichenden Bevorratung ist Deutschland als weitgehend ungeschütztes Land ein besonders "attraktives" Ziel für bioterroristische Angriffe.

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